Das erste Nest

Aus dem Krankenhaus kamen wir direkt zu Oma und Opa – in das Elternhaus meiner Mutter. Ihr Vater, mein Großvater, der bis dahin ein eher kühler, verschlossener Mann gewesen war und seine Gefühle kaum zeigte, erwachte mit meiner Ankunft zu neuem Leben.

Der Winter hatte bereits mit voller Wucht Einzug gehalten, früher als gewöhnlich in jenem Jahr. Schnee und Frost, beinahe wie im tiefsten Dezember. Großvater heizte die Öfen ein, damit ich es warm hatte. Damit ich jene Geborgenheit eines Zuhauses spüren konnte, die mir von meinem Erzeuger verwehrt geblieben war. Großvater nahm die Verantwortung auf sich.

Großmutter bereitete das Federbett vor und bezog es mit frischer, gestärkter Bettwäsche. Das Zimmer zur Straßenseite hin, in dem meine Mutter bis zu meiner Geburt mit ihren beiden Schwestern geschlafen hatte, wurde von nun an unser gemeinsames Schlafzimmer. Nur für meine Mutter und mich.

So lag ich, warm eingewickelt in meinen Säuglingswickel, in blütenweißer, frisch duftender Bettwäsche, umgeben von der Liebe meiner Großeltern, meiner Mutter und meiner Tanten.

Mein erstes kleines Nest. Ausgepolstert mit Güte und Frieden. Mit Fürsorge und dem liebevollen Bemühen aller, mir einen guten Anfang zu schenken.

Wenn ich heute daran denke, fällt mir ein Traum ein.

Ich weiß nicht mehr, wie alt ich damals war. Sicher ist nur, dass ich noch ein Kind gewesen sein muss. So viele Jahre sind inzwischen vergangen, und doch sehe ich diesen Traum noch immer deutlich vor mir. Vielleicht, weil ich sehr lange glaubte, es sei gar kein Traum gewesen, sondern eine Erinnerung. Dass all das tatsächlich geschehen war.

Es war etwas Seltsames. Nennen wir es eine Vertreibung aus dem Paradies.

Ich weiß, dass Gott unmittelbar neben mir stand. Denn wer sonst hätte diese weiße Gestalt sein können, mit ihrem weichen, schneeweißen Haar und dem ebenso weichen, weißen Bart, der ihr bis zu den Knöcheln reichte? Auch sein Gewand fiel bis zum Boden und leuchtete in makellosem Weiß. Ein schlichtes Gewand, und doch voller Würde.

Wir standen am Anfang einer unglaublich langen Rutsche.

Ich spürte eine leise Unsicherheit darüber, was nun mit mir geschehen würde. Denn eines wusste ich ganz genau: Dies war ein Abschied.

Gleich, in wenigen Augenblicken, würde ich diesen Ort verlassen. Ganz schnell würde ich fort sein und Gott niemals wiedersehen. Nie wieder würde ich dieses strahlende Weiß erblicken, nie wieder diese unbeschreibliche Weichheit spüren.

Ich würde mich einfach entfernen. Auf einer Rutsche, die ins Ungewisse führte.

Er sagte kein Wort zu mir.

Er sah mich nur an. Mit einem Blick, der so voller Wärme war, dass ich mich freiwillig auf die glatte Fläche setzte.

Ich weiß nicht mehr, ob es Neugier war, die mich dazu bewegte, oder ob ich einfach spürte, dass meine Zeit gekommen war. Dass es nun nichts anderes mehr zu tun gab, als mich gleiten zu lassen. Mich dem hinzugeben, was kommen sollte.

Noch ehe ich begriff, was geschah, war es bereits geschehen.

Es geschah, was geschehen musste.

Ich glitt durch einen hellen, weißen Tunnel. Minutenlang, so schien es mir. Nein, es waren nur ein paar winzige Sekunden!

Dann fiel ich plötzlich in weiße Kissen.

In eine Weichheit, die nicht von dieser Welt war.

Ein Sturz ohne Schmerz. Im Gegenteil, er war sogar angenehm.

Überall Federn. Kleine, weiße Flocken, die wie Schnee um mich herumwirbelten. Nur dass ich keine Kälte spürte.

Mir war warm. Wunderbar warm.

Und weich war alles um mich herum.

Ich fühlte mich wohl. Geborgen.

Genau so, wie es sein sollte.

So stelle ich mir heute meine ersten Lebenstage vor.

Eingekuschelt in meinen warmen Säuglingswickel. In jenem Zimmer, das mein Großvater für mich geheizt hatte. In dem frisch bezogenen Bett, das meine Großmutter mit so viel Liebe vorbereitet hatte.

An der Seite meiner Mutter.

Skomentuj