Der Winter kam, noch bevor der Herbst zu Ende gegangen war. Innerhalb einer einzigen Nacht hatte der Frost die Blätter von den Bäumen gerissen, noch ehe sie sich vollständig hatten verfärben können. Das Wasser in den Leitungen gefror. Zwei Wochen lang gab es im Haus kein fließendes Wasser. Großvater versuchte, etwas dagegen zu unternehmen. Vergeblich.
Es schneite und schneite.
Das Dorf erstarrte wie die Frösche im Teich. Die Menschen gingen kaum noch vor die Tür, nur wenn es unbedingt sein musste. Hin und wieder waren eilige Schritte auf der Straße zu hören. Mutter hatte eine dicke karierte Decke vor das Fenster gehängt, um die Wärme im Zimmer zu halten.
Im Zimmer herrschte Halbdunkel, gleichgültig, zu welcher Tageszeit. Für mich spielte das damals keine Rolle. Ich war erst wenige Wochen alt und verschlief die meiste Zeit. Ich wachte nur auf, wenn ich gestillt werden wollte. Ich wusste nichts vom Winter, nichts vom fehlenden Wasser und nichts von den Schwierigkeiten, die es den Erwachsenen bereitete, auch nur den nächsten Tag zu überstehen.
Meine Welt beschränkte sich auf meine Mutter.
Später erzählte sie, ich sei ein aufgewecktes Kind gewesen. Ich hätte ihr anders in die Augen geschaut als andere Säuglinge. Als würde ich verstehen. Sie erinnerte sich gern daran. Und ich hörte es gern. Sie erzählte es immer wieder. Vielleicht brauchte sie die Gewissheit, dass schon damals eine Art stilles Einverständnis zwischen uns bestanden hatte.
Auch von der Ankunft des Briefträgers an jenem Tag weiß ich nur aus ihren Erzählungen.
Er klopfte an die Tür. Die Leute aus dem Dorf klopften nicht. Sie kamen einfach herein, als wären sie zu Hause. Der Briefträger war zu Fuß gekommen und hatte sich durch meterhohe Schneeverwehungen gekämpft. Bei diesem Wetter war an Radfahren nicht zu denken. Er war erschöpft und verärgert darüber, dass er einen so weiten Weg hatte zurücklegen müssen. Er sagte, wenn das Gericht jemanden vorlade, müsse die Vorladung eben zugestellt werden. Für seine Mühe bat er um eine Tasse heißen Kaffee.
Er brachte eine Vorladung zu einer Gerichtsverhandlung.
Er wusste, worum es ging. Alle wussten es.
Vier Männer sollten vor Gericht erscheinen. Sie hatten gemeinsam in der Dorfkneipe getrunken. Es war zu einer Schlägerei gekommen. So etwas passierte. Die Männer tranken, prügelten sich und vertrugen sich anschließend wieder. Manchmal wussten sie am nächsten Tag nicht einmal mehr, womit alles angefangen hatte. Doch diesmal war ein Milizionär an der Schlägerei beteiligt gewesen.
Er trug Uniform. Offiziell war er im Dienst, obwohl er mit den anderen getrunken hatte. Er kannte sie. Er war ihr Nachbar, ihr Kumpel, einer von ihnen. Irgendwann bekam er einen Schlag ins Gesicht. Er zog seine Waffe und gab drei Schüsse ab.
Eine der Kugeln durchschlug das Bein meines Erzeugers.
Warum der Milizionär geschossen hatte, blieb unklar. Sie waren alle betrunken gewesen, er selbst eingeschlossen. Auch die späteren Zeugenaussagen konnten den genauen Ablauf nicht klären. Jeder erinnerte sich an etwas anderes. Oder an überhaupt nichts.
Der Schusswaffengebrauch musste erklärt werden.
Es mussten Berichte verfasst, Verantwortliche benannt und die Ereignisse in eine nachvollziehbare Reihenfolge gebracht werden. In den Akten durfte nichts stehen bleiben, was die Rechtmäßigkeit der abgegebenen Schüsse infrage gestellt hätte.
Der Milizionär gehörte zur Staatsmacht. Die anderen nicht.
Das allein genügte, um ihre frühere Vertrautheit bedeutungslos werden zu lassen. Der Mann, mit dem sie noch am selben Tisch getrunken hatten, stand ihnen nun als Gegner gegenüber.
Die Aussagen meines Erzeugers wurden nicht ernst genommen. Er war bereits vorbestraft. Diese Tatsache wog schwerer als seine Darstellung der Ereignisse.
Ein Rückfalltäter also. Es war leicht, ihn zum Rädelsführer zu erklären. Im Dorf hieß es schon lange, dass er eines Tages im Gefängnis landen würde.
Besondere Empörung löste das nicht aus. Es herrschte eher die Überzeugung, dass solche Geschichten nun einmal so ausgingen, wenn ein gewöhnlicher Mensch gegen einen Milizionär stand. Selbst dann, wenn der Milizionär derjenige gewesen war, der geschossen hatte.
Der Briefträger trank seinen Kaffee. Den Schnee hatte er nicht von seinen Stiefeln geklopft. Auf dem Fußboden blieb eine Pfütze zurück. Er reichte das Schriftstück zur Unterschrift, wünschte einen guten Rutsch ins neue Jahr und ging.
Die Vorladung blieb im Haus zurück.
Die Verhandlung war auf einen Termin in drei Wochen angesetzt, nach Neujahr. Der Winter ließ nicht nach. Die Busse fuhren nicht. Bis zum Bahnhof musste man zu Fuß gehen. Aber wie sollte das bei diesem Schnee möglich sein? Mutter hatte schließlich einen Säugling zu versorgen.
Ich weiß nicht, ob sie mehr Angst vor dem Weg hatte oder vor dem, was sie vor Gericht erwartete. In ihren späteren Erzählungen standen diese beiden Ängste stets nebeneinander. Die Schneeverwehungen, die ausgefallenen Busse, das Kind auf dem Arm und die Aussicht auf mehrere Jahre Gefängnis für meinen Erzeuger.
All das gehörte zu ein und demselben Leben. Zu seinem, zu ihrem und zu meinem.
Die erste gerichtliche Vorladung ließ keine Wahl.
Man musste erscheinen.
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