Das erste Treffen

Der Winter ließ auch nach Neujahr nicht nach. Es schneite zwar nicht mehr, aber der Schnee taute auch nicht. In den vergangenen Wochen hatte er sich so weit verdichtet, dass die Straße wieder befahrbar war. Langsam, aber ohne größere Schwierigkeiten.

Man mietete einen Mann mit einem Auto. „Irgendjemand“ erklärte sich bereit, für den doppelten Preis zu fahren. Bei diesem Wetter war kaum jemand bereit, ein solches Risiko auf sich zu nehmen.

Im Auto saßen meine Mutter, meine Großeltern und ich.

Je näher der Prozesstermin rückte, desto mehr Menschen wollten dabei sein. Die meisten fuhren mit dem Zug. Plötzlich waren wir nicht mehr nur eine Familie, sondern ein ganzer Clan. Alle wollten bei der Gerichtsverhandlung anwesend sein. Sogar die Urgroßeltern, die Geschwister meiner Großeltern, die Cousins und Cousinen meiner Mutter. Die Nachbarn.

Als wäre zwischen ihnen eine tiefere Verbundenheit wieder erwacht. Eine, die über die gemeinsame Arbeit auf den Feldern hinausging. Sie hielten zusammen, um meiner Mutter Kraft zu geben. Ich weiß nicht, ob sie später, angesichts anderer Schwierigkeiten, je wieder so füreinander eingestanden sind wie damals.

Meine Mutter und ich durften den Gerichtssaal nicht betreten. Mit einem Säugling war das nicht erlaubt. Er würde schreien und die Verhandlung stören.

Also musste sie sich draußen auf eine Bank vor der Tür setzen und warten.

Von Zeit zu Zeit versuchte jemand aus der Familie, mich ihr abzunehmen. Doch sobald meine Mutter aus meinem Blickfeld verschwand, schrie ich aus Leibeskräften. Nach wenigen Minuten musste sie zu mir zurückkommen.

Mein Schreien ließ die Milch aus ihren geschwollenen Brüsten schießen. Auf ihrer Bluse bildeten sich Flecken, sichtbare Spuren ihres übermäßigen Milchflusses, die ihr peinlich waren. Das Gericht blieb unerbittlich. Man ließ mich nicht hinein.

Nach der Urteilsverkündung strömten alle auf den Flur, der noch immer von meinem Geschrei erfüllt war.

Auch mein Vater.

Mein Großvater schob den Wachmännern vorsichtig zusammengerollte Geldscheine in die Hände. Ein stillschweigendes Einverständnis. Sie sollten einen Augenblick bei meiner Mutter und mir stehen bleiben und meinen Vater nicht gleich zu dem Polizeitransporter weitertreiben, der bereits vor dem Gerichtsgebäude wartete. Mit ihm sollte er ins Gefängnis gebracht werden, um seine Strafe anzutreten.

Mein Großvater erkaufte uns einen kurzen Besuch.

Den ersten und für Jahre einzigen.

Ein paar Minuten, in denen Vater und Tochter einander kennenlernen konnten.

Er berührte meinen Kopf unter der Wollmütze.

Ich erinnere mich nicht an diese Berührung.

Und er?

Er hat nie davon gesprochen. Ein Tabu, wie seine gesamte Gefängniszeit.

Auch meine Mutter weiß nicht mehr, ob er vor Rührung geweint hat. Seine Augen waren feucht, daran erinnert sie sich. Vielleicht aber auch nur wegen des Urteils, das gerade verkündet worden war. Sie kann es nicht mehr sagen.

Ein Gefängnis unter besonderer Aufsicht, für Rückfalltäter. Weit weg. Damals weit genug, dass dieses erste Treffen für mehr als zwei Jahre unser einziges blieb.

Ich vermisste meinen Vater nicht. Ich war gut aufgehoben.

Und er? Was hatte er durchgemacht? Er sprach nie darüber. Ich kann wohl nur einen kleinen Teil seines Unglücks erahnen.

Er schrieb Gedichte.

Als ich ihn Jahre später darauf ansprach, wollte er es nicht zugeben. Ich war inzwischen eine erwachsene Frau. Ich hatte eigene Kinder und eine Depression, und ich wollte es damals so unbedingt wissen.

Als Kind hatte ich in einem Schrank ein grünes Heft gefunden. Ein Schulheft mit sechzehn Blättern. So eines, wie wir es zu meiner Schulzeit benutzten. Vollgeschrieben in seiner krakeligen Handschrift, obwohl er nie gern von Hand schrieb.

Darin hatte er seine Gedichte aus dem Gefängnis festgehalten.

Also schlummerte doch eine gewisse Empfindsamkeit in ihm.

Das erste Gedicht war an mich gerichtet.

Für mein geliebtes Töchterchen.

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